Aufmerksamkeit und Anerkennung – Motor und Kryptonit der menschlichen Psyche

Steffen Wagner

Wir alle wollen in unserer Gesellschaft in irgend einer Form als besonders wahrgenommen werden. Jeder hat eine spezielle Eigenschaft oder einen Charakterzug, der ihn von den „Normalen“ um sich herum abhebt. Wir wollen als individuelle Person wahrgenommen und bestätigt werden. Soziale Anerkennung ist für uns ein Grundbedürfnis, ohne das wir in einer Gesellschaft nur schwer existieren können. Der amerikanische Psychologe Abraham Maslow beschrieb bereits 1943 soziale Bedürfnisse als eine Grundlage der Persönlichkeitsentwicklung, der vorausgeschaltet nur physiologische Bedürfnisse und Sicherheitsbedürfnisse gesetzt sind.

Soziale Anerkennung ist aber noch mehr. Sie ist für uns wie eine Droge. Wir tun fast alles, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Manche Menschen machen Überstunden bis zum umfallen, andere treiben ihren Körper zum Äußersten, hungern, lügen oder lassen sich operativ verändern. Menschen verlieren sich in fremden Ansprüchen, weil sie meinen, nur Liebe durch Anpassung zu erfahren. Wieder andere stolzieren mit Statussymbolen umher und sind auf der Jagd nach Anerkennung. Einige versuchen um jeden Preis irgendeine Zustimmung zu erlangen und finden in Aggressionen ihren Weg dafür. Jeder von uns möchte bekommen, was er glaubt zu verdienen.

Obwohl wir alle in irgendeinem Bereich nach Aufmerksamkeit lechzen, gehen wir doch überaus sparsam mit ihr um. Begeisterung wird schnell als naiv angesehen, allem gegenüber skeptisch sein sei clever und Lob ist, wenn niemand meckert. Kommt Ihnen das auch bekannt vor? Wo die Anerkennung und die Aufmerksamkeit fehlt, fühlt sich der Mensch aber schnell überflüssig und unsichtbar. Wir werden unzufrieden, nachlässig, antriebslos, demotiviert und manchmal sogar krank. Je größer die Kluft zwischen geringer Anerkennung und großer Anstrengung ist, desto stärker zeigt sich emotionaler Stress.

Das Problem mit dem Belohnungseffekt

Anerkennung finden - Das Problem mit dem BelohnungseffektWird dieser sozioemotionale Stress zu groß, flüchten einige Menschen in eine Art Parallelwelt. Sie versuchen die positiven Gefühle, die durch Anerkennung und Wertschätzung im Gehirn ausgelöst werden, auf andere Weise zu generieren. Die Gehirnregion, die sich nach Aufmerksamkeit sehnt, ist dieselbe, die den Menschen nach Drogen süchtig werden lässt. In diesem Teil des Gehirns wird der berühmte Botenstoff Dopamin ausgeschüttet. Dopamin ist ein Neurotransmitter (Nervenbotenstoff) mit einer essentiellen Rolle in unserem Belohnungssystem, denn er vermittelt motivations- und antriebssteigernde Effekte. Mit anderen Worten löst Dopamin ein positives Gefühl von Glück und Stärke in uns aus. Einige Drogen greifen genau in dieses Dopaminsystem ein, indem sie das Gehirn zu einer vermehrten Dopaminausschüttung anregen. Das Gehirn verbindet infolge dessen den Drogenkonsum stark mit einem Belohnungseffekt. Dies begünstigt unsere psychische Abhängigkeit. Nicht selten driften Menschen in die Drogensucht oder schließen sich Extremen der Gesellschaft an, weil sie nicht die Aufmerksamkeit und Anerkennung bekommen, die sie sich wünschen.

Der menschliche Körper ist aber auch selbst in der Lage sich in einen wahren Rauschzustand zu versetzen. So zeigen neurologische Studien, dass unser Motivationssystem von nichts so sehr aktiviert wird, wie von anderen wahrgenommen und sozial anerkannt zu werden. Es genügt schon ein Lob oder ein freundlicher Blick, damit unser Nervensystem eine Ganze Batterie an Botenstoffen ausschüttet. Dazu gehören neben Dopamin auch körpereigene Opiate und Oxytocin, was uns gleichzeitig entspannt und unsere Lebensfreude weckt. Umso stärker dabei die Signale der Zuneigung sind, desto mehr Botenstoffe werden auch freigesetzt.

Die Entwicklung unser Persönlichkeit wird stark von unserem Umfeld beeinflusst. Nur im Austausch mit anderen Menschen können wir unsere Identität, Eigenschaften, Charakterzüge und schlussendlich unsere Persönlichkeit entwickeln. Wir brauchen das Feedback aus der Masse, um einzigartig sein zu können. Ohne das Feedback aus der Außenwelt hat unser Selbstbild keine Vergleichsmöglichkeiten, alles ist in gewisser Weise auf unser Umfeld bezogen. Diese soziale Abhängigkeit und die Bezugnahme auf das Umfeld kann in Teilen evolutionsbiologisch erklärt werden. Ab einem bestimmten Punkt in der menschlichen Entwicklung mussten größere Beutetiere gejagt werden, um gegen andere Primatenarten zu bestehen. So war es überlebenswichtig für das einzelne Individuum, Teil einer Gruppe zu sein und in dieser angenommen und akzeptiert zu werden. Aus diesem Erklärungsansatz kann leicht ein Grund abgeleitet werden, weshalb eine soziale Ausgrenzung eine Art der existenziellen Bedrohung ist. Bei Menschen, die über lange Zeit gegen ihren Willen isoliert sind, setzt eine zunehmende Verkümmerung des Motivationssystems ein. Das Interesse an einem aktiven Leben schwindet, sie werden appetitlos, krank oder aggressiv.

Der ehemalige CIA-Mitarbeiter und Psychiater Marc Sageman zog eine tiefgehende Verbindung zwischen Aggressionen und Anerkennung. Er analysierte die Lebensläufe von vielen hundert Terroristen und stellte fest, dass sie vor ihrem Beitritt zu einer Terrorgruppe sozial isoliert waren. Durch Bekanntschaften aus dem Internet, aus der Nachbarschaft, in Gefängnissen oder auch in Universitäten wurden sie zu der Gemeinschaft geführt, die sie aufnahm und durch vermeintliche Aufmerksamkeit für ihre Sache hörig machte. Immer wieder versagt eine Gesellschaft auf diese Weise und diskriminiert Einzelne. Vor allem bei Jugendlichen drohen dabei fatale und folgenschwere Ersatzlösungen. Terrorgruppen und vor allem Rechte suchen gezielt nach den jungen und vereinsamten Seelen, die ausgeschlossen sind.

Mangelnde Aufmerksamkeit und Anerkennung kann einen Menschen also schnell an den Rand unserer Gesellschaft drängen, wo Drogen und radikale Gruppen die Dopaminsucht scheinbar stillen können. Doch hier wird der Mensch leider zu oft blind und möchte beziehungsweise kann nicht wahrhaben, dass die Abwärtsspirale immer weiter geht und ein Entkommen aus ihr mit immer mehr Aufwand verbunden ist. Wie weit Menschen aber für die gewünschte Anerkennung gehen, ist so unterschiedlich wie jeder von uns selbst. Je nach Lebenslauf und darin gelebter Erfahrungen reagiert das Belohnungszentrum stark oder schwach auf dieselbe Bestätigung. So kann der eine unter einem kleinen Lob seines Vorgesetzten voll aufblühen, während der andere dem skeptisch gegenüber steht und mehr Zuspruch benötigt.

Geprägt von der Kindheit

Der Grundstein für unsere Reaktion auf Zuspruch und Wertschätzung wird schon in der frühesten Kindheit gelegt. Bedingungslose Beziehungen und Liebe sind von Anfang an essentiell für die stabile Entwicklung eines Selbstwertes. Erfahren Kleinkinder wenig Liebe, reagiert ihr Gehirn auch später wesentlich schwächer auf das gleiche Maß an Zuwendung und schüttet weniger Botenstoffe aus. Menschen mit einem geringeren Selbstwertgefühl trauen sich häufig ihr gesamtes Leben lang weniger zu, sie nehmen keine größeren Aufgaben an oder verbauen sich oft die Chance darauf ihren angestrebten Erfolg zu erlangen. Einige wirken nach außen sehr selbstsicher, wobei sie es innerlich gar nicht sind. Trotz Erfolges müssen sie sich sehr anstrengen ihre ständigen Selbstzweifel nach außen zu verbergen. Vielmals können sie eine von außen kommende Bestätigung nicht annehmen, weil es nicht zu ihrem Selbstbild passt.

Dem gegenüber steht ein anderes Extrem, nämlich narzisstische Persönlichkeiten. Sie können gar nicht genug Aufmerksamkeit bekommen, feiern lauthals jeden ihrer Erfolge und stehen gerne im Mittelpunkt. Sie wirken häufig wie ein unverwüstliches emotionales Bollwerk, aber auch sie leben in einer Diskrepanz

zwischen ihrer Selbstwahrnehmung und dem Bild von außen auf sie.

Weiterhin gibt es nicht nur Unterschiede in der Quantität bei der Suche nach Anerkennung, sondern auch in der Qualität, also in welcher Art wir Anerkennung einfordern. Dabei ist entscheidend, welche Erfahrungen wir in unserem Leben gemacht haben. Viele Menschen haben als Kind in ihrer Schulzeit gelernt, dass sie vor allem für ihre Leistungen geschätzt werden. Diese Verknüpfung behalten die meisten ihr Leben lang bei und fühlen sich nur wertvoll, wenn sie Erfolg haben. Wieder andere haben gelernt, dass sie nur Aufmerksamkeit erlangen, wenn sie Schönheitsidealen entsprechen oder sich um andere Personen kümmern.

Wir haben die Fähigkeit uns selbst zu ändern

Glücklicherweise besitzen wir als Menschen ein stark entwickeltes Gehirn. Es gibt uns die Möglichkeit, der Spirale des vermeintlichen Schicksals zu entkommen und dazu zu lernen. Wir müssen also nicht das angelernte Verhalten aus unserer Kindheit unser ganzes Leben weiterführen. In unserem Gehirn speichert der orbitofrontale Cortex Informationen darüber ab, wie unser Tun für andere sein könnte. Das ist die Voraussetzung, um in einer Gruppe zu bestehen und gleichzeitig die Gelegenheit, die ins Gehirn eingehenden Informationen zu prüfen und Entscheidungen neu einzuordnen.

Eingefahrene Denk- und Gefühlsmuster lassen sich leider selten über Nacht nachhaltig ändern. Es benötigt harte Arbeit und viel Unterstützung aus wohlwollenden Beziehungen. Um sein Selbstbild realistisch einzuschätzen und anzunehmen hilft ein anerkennender und interessierter Austausch, egal ob durch Familie, Freundschaften oder in einer Therapie. Nur wer sich selbst wertschätzt, kann Anerkennung von anderen auch annehmen. Es geht darum die tägliche Selbstentwertung durch Zuneigung einzutauschen und sich bewusst zu machen, dass unsere Zufriedenheit an unsere subjektive Haltung statt an objektiven Erfolg geknüpft ist. Diese neue Informationsverarbeitung ist sehr wichtig für den Prozess, Selbstzweifel zu überwinden.

Ein wenig können wir uns aber vom Wunsch nach Anerkennung emanzipieren, auch wenn es den wenigsten Menschen jemals ganz gelingen wird. Ein Schlüssel dafür ist es, sich in ein angenehmes, anerkennendes und wertschätzendes Umfeld zu begeben. Hier kann sich eine ganz andere Wahrnehmungskultur entwickeln, die aus der allgemeinen Defizitorientierung hin zu bewusstem und konstruktivem Lob geht. Vor allem für Führungskräfte ist dies ein guter Weg, seinen Mitarbeitern den Rücken zu stärken und sie zu fördern. Dabei geht es um eine gute Mischung aus dem Erkennen und dem Beschreiben des Guten. Was genau finden Sie also anerkennenswert und wofür sind Sie dankbar? Sobald wir ein paar positive Details über unser Verhalten wissen, wachsen wir immer weiter über uns hinaus und bekommen neue Kraft und Motivation. Die menschlichen Spiegelneuronen helfen uns unter anderem dabei, auch bei sich selbst auf die guten Dinge zu achten und sich mehr wertzuschätzen. In einem Umfeld des gegenseitigen Respekts ist es also viel wahrscheinlicher, dass wir selbst auch für unsere Arbeit gelobt werden und motivierendes Dopamin freigesetzt wird.

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