Wenn die Oma digital wird

Petra Wagner

Die Digitalisierung der Gesellschaft

Wann waren Sie das letzte Mal so richtig erstaunt? Wo etwas geschehen ist, von dem Sie nicht dachten, dass es überhaupt eine Möglichkeit ist? Sie saßen also buchstäblich mit offenem Mund da und konnten erst nicht glauben, dass das jetzt passiert?

Mir ist es in der letzten Woche passiert. Mein Mann, meine Schwiegermutter (auch einfach Oma genannt) und ich sitzen beisammen. Wir wohnen in einem Haus, so dass dies durchaus öfter vorkommt. Also noch kein Grund zur Überraschung. Das Gespräch dreht sich um die augenblickliche Situation in der Welt. Was momentan so passiert.

Und da wir alle immer gern faktenbasiert diskutieren, kommt es natürlich regelmäßig vor, dass ich oder mein Mann das Internet aufrufen, um uns zu informieren. Das geschieht ganz selbstverständlich auch während unserer Gespräche. Entweder wird das Handy gezückt oder das Tablet aktiviert. Manchmal, wenn ich gerade im Büro arbeite (im Homeoffice), dann wird natürlich auch der Computer genutzt. Auch wenn die Oma eine Fahrkarte für die Bahn benötigt oder Informationen bezüglich einer neuen Reise, die sie plant, wird die Technik aktiviert. Oder auch mal, um ein Videotelefonat mit dem Enkel zu führen (also dem Urenkel der Oma).

Also in unserem Alltag ist diese Technik absolut präsent. Wenn die Oma jedoch unterwegs ist, dann hat sie zwar ihr Handy dabei, hat es aber selten eingeschaltet. Dann ist der Akku ja so schnell leer, so meint sie, wenn wir nachfragen. Sie hat auch kein Smartphone. Es ist ein inzwischen recht betagtes Klapptelefon, das aber noch in den seltenen Fällen, in denen es tatsächlich benutzt wird, tadellos funktioniert.

Tja und dann am Sonntag der letzten Woche, da passiert es. Unsere Oma (sie wird bald 82 Jahre jung) meint, dass so ein Tablet ja eine tolle Sache ist. Da kann man viel nachsehen. Ist schon praktisch, meint sie. „Wie teuer ist denn so ein Gerät?“ will sie von mir wissen. Ich sehe sie an und denke, verstehe ich das richtig? Will sie mir damit sagen, dass sie so ein Teil haben möchte? Unsere Oma will ein Tablet? Als ich ihr den Preis nenne, meint sie nur: „Na ja, ich bekomme ja nächsten Monat eine Rentenerhöhung.“

Okay, mein Mann und ich sehen uns an und sind ganz sprachlos. Ich denke, das lassen wir erst einmal sacken. Aber im Stillen freue ich mich gerade total. Unsere Oma, die vor sechs Wochen noch eine Herz-OP hatte, die will mit der Zeit gehen. Sie will die Errungenschaften der heutigen Zeit nutzen. Sie hat keine Angst davor. Wie großartig ist das denn bitte?

Digitalisierung der Gesellschaft - Geduld, Achtsamkeit und Aufmerksamkeit

In meinem Job sehe ich oft das genaue Gegenteil. Angst vor den Neuerungen, die nun einmal die Zeit mit sich bringt. Da werden Computerprogramme, die die Arbeit total erleichtern würden, kategorisch abgelehnt. Die Angst, sich zu blamieren, weil man die Dinge eventuell nicht schnell genug versteht und beherrscht, blockiert alles. Leider sind die Führungskräfte oft nicht sensibel genug, genau dies zu erkennen. Ich wünschte mir in den Unternehmen mehr Menschen, die den Mitarbeitern die Vorteile der neuen Technik bewußt machen und gleichzeitig die Hand reichen für das entspannte Erlernen dieser.

Eine gute Fehlerkultur würde bestimmt auch helfen. Wobei ich das Wort „Fehlerkultur“ eher nicht so gerne nutze. Für mich verbirgt sich dahinter folgendes. Hilfreich ist, wenn es für alle normal ist, auch einmal einen Fehler zu begehen und niemand dafür schief angesehen wird. Natürlich sollten wir nicht zwanzigmal den selben Fehler machen. Aber gerade bei der Nutzung neuer Technik, klappt die Bedienung nicht immer gleich auf Anhieb. Auch ich könnte immer mal wieder aus der Haut fahren, weil ich denke, dass ich verstanden habe, wie es funktioniert und dann klappt es doch nicht. Nun, wir sind alle nicht perfekt – und das ist gut so.

Geduld, Achtsamkeit und Aufmerksamkeit sind aus meiner Sicht die entscheidenden Faktoren, damit es klappen kann, große und auch kleine Veränderungen zu wagen. Geduld in Bezug auf das Erlernen neuer Technik oder auch neuer Arbeitsweisen. Achtsamkeit und Aufmerksamkeit in Bezug auf die Ängste oder Bedenken der Mitarbeiter. Was genau fehlt in dem einen oder anderen Bereich? Kann ich die Bedienung noch einmal anders erklären? Könnten Checklisten oder Bilder helfen? Was genau löst den vermeintlichen Widerstand aus?

Das Tablet für die Oma ist inzwischen bestellt und wir werden in den kommenden Tagen die nächste Stufe der Digitalisierung in unserem Hause einläuten. Ich bin gespannt, wie ich mich in der Begleitung und als Lehrer für die Oma schlagen werde. Mal sehen, welche Herausforderungen auf uns warten und welche Errungenschaften die Oma am Ende mit dem Tablet verzeichnen wird. Es wird sicher interessant und wir freuen uns schon.

Risiken und Chancen - Wie aus Risiken auch Chancen entstehen können