Von Blumen und Hundehaufen – Wie uns Sterne und Kinder die Entschleunigung lehren

Steffen Wagner

Ein Blick in den Sternenhimmel lässt mich immer wieder innehalten. Nicht nur, weil ich nicht gut mit dem Kopf im Nacken laufen kann, sondern weil die Sterne mich immer wieder faszinieren. Fast jeder helle Punkt über uns ist ein Stern, also eine weit entfernte Sonne, ein Zentrum eines anderen Sonnensystems. Ich staune, über die unendliche Weite des Universums, über die kaum zu erahnende Vielfalt in jedem Sonnensystem, über meine Rolle in all dem. Habe ich als kleiner Mensch überhaupt eine Bedeutung in all den Weiten der Welt?

Dann richte ich den Blick von den Sternen zurück auf den Boden, ich kann ja nicht ewig mit dem Kopf im Nacken stehen bleiben. Auf dem Weg und daneben sehe ich im Schein der Taschenlampe einige Hundehaufen liegen. Schon bin ich wieder in der Realität angekommen, umgeben von kleinen Häufchen stinkender Exkremente, in die ich nicht hineintreten möchte. Ich mache kleine aber bedeutende Umwege, Schritte nach links und rechts, Ausweichmanöver.

Meine Gedanken ziehen weiter, ich ziehe Verknüpfungen zu meinem eigenen Leben. Manchmal hilft es schon den Blick vom Boden zu heben, wo ich mich nur auf das Schlechte auf meinem Weg konzentriere. Und ja, passe ich nicht auf, trete ich auch mal in einen großen Haufen Fäkalien. Doch ich muss nur lang genug weiter gehen, dann fällt die übel riechende Hinterlassenschaft auch wieder von meinen Füßen ab. Achte ich nicht mehr auf den stinkenden Mist, kann ich meinen Blick heben und die wichtigen Dinge zurück in meinen Fokus rücken. Nächstenliebe, Wahrhaftigkeit, Demut, bedingungslose Liebe, Hingabe, Vergebung und Freude. Wie oft belügen wir uns selbst, sind auf unseren eigenen Vorteil bedacht, verlieren das große Ganze aus dem Blick. Ich glaube mittlerweile fest daran: Alles kommt irgendwie zu seiner Zeit, auch wenn wir in dem Moment manchmal verzweifeln könnten. Rückblickend auf überstandene schwierige Situationen oder Krisen im Leben kann ich all dem immer etwas Positives abgewinnen. Die Probleme haben mich kreativ werden lassen, ich musste flexibel sein, habe neue Wege entdeckt, verborgene Stärken aktivieren können, wunderbare Menschen in mein Leben gelassen und Ressourcen gefunden, auf die ich heute nicht mehr verzichten möchte.

Was kann ein kleiner Mensch wie ich schon in der Welt bewegen? Noch kann ich nicht genau beantworten, was ich für einen Einfluss habe oder haben werde. Aber ich kann sehen, was für einen Einfluss etwas noch viel kleineres auf uns alle als menschliche Spezies hat. Für uns als Individuum, als Familie, als Unternehmen, als Gesellschaft. Der Corona Virus zwingt uns, innezuhalten, den ungeheuren Raubbau an der Natur, der Gesellschaft und vor allem an uns selbst zu stoppen. Wir müssen unser rasantes Leben entschleunigen, um nicht komplett den Halt zu verlieren.

Ich möchte das mit dem „Musikexpress“ auf dem Jahrmarkt vergleichen. Dies ist ein sich im Kreis drehendes Fahrgeschäft, in welchem man außen zu zweit oder zu dritt nebeneinander sitzen kann. Es macht Spaß, damit seine Runden zu drehen. Runde für Runde rotiert das Karussell immer und immer schneller im Kreis, wir werden von der Fliehkraft nach außen gezogen, müssen uns am Geländer der Gondel festhalten und können uns mit steigender Geschwindigkeit nur noch mit viel Mühe an unserem Platz halten. Alles wird mit der Zeit irgendwie anstrengend und die Freude weicht unmerklich der Belastung. Je länger eine Fahrt dauert, desto anstrengender wird es. Das passiert schleichend, wie in unserer sich immer schneller drehenden Gesellschaft.

Dieser winzige Virus hält unser Karussell an, zwingt uns aus der drehenden Maschinerie auszusteigen und es mal von außen zu betrachten. Wir können uns darin neu platzieren, uns vielleicht sogar ein neues Fahrgeschäft suchen. Wir erkennen die Kraft wieder, die uns die ursprüngliche Freude gegeben hat, können wieder mit ihr ohne beschleunigende Belastung umgehen, ins Zentrum zurück kehren und hoffentlich mit einem Lachen entspannt weiter fahren.

Viele von uns haben den Kontakt zu ihrem Zentrum verloren, dem eigenen Herzen, wollen Freude durch andere finden und machen sich abhängig von fremden Gefühlen. Wir vergessen nur zu gern, dass wir allein der Kapitän in unserem Herzen sind. Nicht nur sein können, sondern wirklich sind. Wir allein können entscheiden, wer wir sind und was wir können.

Die soziale Distanzierung in der „Corona-Krise“ bringt viele finanzielle und gesellschaftliche Entbehrungen mit sich, mit denen wir irgendwie umgehen müssen. Jedoch schafft sie auch die Möglichkeit, dass wir uns längere Zeit bewusst mit uns selbst beschäftigen können. Wir bekommen die Chance, dass wir uns selbstreflektiert betrachten. Dabei ist es wichtig nicht defizitorientiert auf sich zu schauen, wie es uns in der Schule und durch unser gesellschaftliches System anerzogen wurde. Viel mehr sollten wir unsere Stärken erkennen und sie weiter stärken. Leichter gesagt als getan! Vor allem, wenn wir uns sonst nie oder nur selten mit uns selbst beschäftigen können (oder wollen). Einigen mag dieser Gedanke vielleicht auch unangenehm sein, da wir uns nun uns selbst stellen müssen. Doch diese Arbeit wird sich lohnen!

Unsere Energie folgt immer unserer Aufmerksamkeit.

Wenn ich auf einem Weg nach Hundehaufen suche, werde ich garantiert welche finden. Und je länger ich mit dieser Aufmerksamkeit spazieren gehe, werde ich immer mehr Haufen finden. Suche ich stattdessen aber nach schönen Blumen,  werde ich diese vermehrt wahrnehmen, statt die stinkenden Hinterlassenschaften. Ähnlich ist es mit unseren so genannten „Schwächen“ und unseren Stärken. Wir können uns bewusst dazu entscheiden unsere Stärken zu sehen und sie noch weiter zu bestätigen, statt nur unsere Schwächen in den Vordergrund zu schieben. Gleichzeitig können wir unsere Schwächen als Lernfelder ansehen und sie so nach und nach in unser Repertoire der Stärken integrieren. Wir können ihre Bedeutung umkehren und sie mit anderen Augen betrachten. Sehen wir also die Hundehaufen nicht als stinkende Exkremente an, sondern als Dünger für die schönen Blumen daneben.

Heben wir unseren Blick vom Boden weg und richten die Aufmerksamkeit auf unsere tollen Ziele, fließt auch unsere Energie in diese Richtung. Viele Aufgaben werden uns leichter von der Hand gehen, wir können mehr „Blumen statt Hundehaufen“ in unserer Arbeit entdecken, wir ziehen das Erfreuliche zurück in das Blickfeld. Die meisten Dinge, über die wir uns gerne mal aufregen, können wir nicht ändern. Wir können aber sehr wohl auf sie reagieren und versuchen, auch darin etwas positives für uns zu sehen. Denn macht die ständige Veränderung nicht irgendwie unser aller Leben aus?

Ich blicke nochmal nach oben zu den Sternen und bin wieder verblüfft. Mir wird bewusst, dass selbst so etwas großes wie ein Sonnensystem, ja sogar die Galaxie, einer ständigen Veränderung unterliegt. Diese Veränderungen laufen nur in anderen Dimensionen ab. Sie brauchen länger, sind dafür umso gewaltiger und von enormem Ausmaß. Ein winziges Virus verändert unsere Welt rasend schnell, täglich gibt es neue Situationen, auf die ich mich einstellen muss.

Und was kann ich für Veränderungen in der Welt schaffen? Tatsächlich habe auch ich die Möglichkeit, etwas zu ändern. Mindestens in meinem eigenen Leben kann ich wieder mehr Nächstenliebe, Wahrhaftigkeit, Demut, bedingungslose Liebe, Hingabe, Vergebung und Freude integrieren. Diese positive Energie möchte ich gerne nach außen richten, meine Mitmenschen daran teilhaben lassen, um auch ihren Blick vom Boden zu heben. Können wir als Gesellschaft wieder mehr nach diesen Werten handeln, werden Geschäftsbeziehungen angenehmer, Konflikte lassen sich einfacher lösen, zwischenmenschliche Beziehungen gewinnen an Bedeutung und wir sind zufrieden mit uns selbst.

Mit offenem Herzen anderen Menschen zu begegnen, authentisch und ehrlich zu sein, unvoreingenommen auf Situationen schauen; all das können wir von den Kindern lernen. Sie erleben die Welt noch mit einem reinen Herzen und können voller Freude im Moment leben. Auch Kinderfilme können uns helfen, wieder zurück zu diesem freudigen Ursprung zu gelangen. So sagt beispielsweise eine alte Schildkröte namens Oogway im Kinderfilm Kung Fu Panda folgendes zu seinem Schüler Po:

„You are too concerned with what was, and what will be. (…) Yesterday is history, tomorrow is a mystery, and today is a gift… that’s why they call it the present.“

Die Gegenwart zu erleben ist ein Geschenk. Versuchen wir diesen Satz etwas mehr in unser Bewusstsein einfließen zu lassen, mehr zu sein wie Kinder mit ihrem offenen Herzen. Genießen wir öfter einfach den Moment und versuchen, darin das Schöne zu finden. Gehen wir wieder mit geöffneten Augen durch unsere Welt und trauen uns, ab und an den Blick zu den Sternen zu heben, uns bewusst zu entschleunigen und anzuhalten. Mal stehen zu bleiben muss kein Rückschritt sein, sondern gibt uns die Chance, unseren Fokus zu korrigieren oder neu zu setzen.

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