Das ist die erste Frage, die ich mir stelle, bevor ich mit jemandem arbeite. Coaching und Therapie haben etwas gemeinsam: In beiden Fällen sitzt dir jemand gegenüber, der dich unterstützen will, und in beiden Fällen kommen psychologische Methoden zum Einsatz. Der Unterschied liegt darin, was du gerade brauchst.
Im Coaching geht es darum, dich weiterzuentwickeln, deine eigenen Ressourcen zu aktivieren und wieder Vertrauen in deine Fähigkeiten zu fassen. Wir arbeiten ergebnis- und lösungsorientiert. Mit Gesprächs- und Kreativitätstechniken, mit Transaktionsanalyse oder NLP führe ich dich so, dass du deine Lösung selbst findest – eine, die du im Alltag auch wirklich umsetzen kannst.
Eine Therapie wird notwendig, wenn du erarbeitete Lösungen allein nicht umsetzen kannst, wenn dein Leidensdruck sehr hoch ist oder wenn die Symptome einem Krankheitsbild entsprechen. Sobald mir das im Vorgespräch oder während der Arbeit deutlich wird, spreche ich es an und beende das Coaching. Das ist keine Abfuhr, sondern der einzige verantwortliche Weg. Und wenn du in therapeutischer Behandlung bist oder warst, halte ich vorher Rücksprache mit deiner Therapeutin oder deinem Therapeuten, ob ein Coaching möglich ist und worauf wir achten müssen.
Mein Fallbeispiel: Stefan schiebt auf
Der Fall, den ich bearbeitet habe, ist konstruiert – so verlangt es die Aufgabenstellung, und der Coachee heißt bei mir Stefan. Erkennen wirst du ihn trotzdem, wahrscheinlich sogar ziemlich schnell.
Stefan ist ein junger Unternehmer mit großen Zielen, die er nicht erreicht. Er spricht von seiner Undiszipliniertheit, von Faulheit, von einem großen inneren Schweinehund. Er weiß genau, was zu tun wäre, und verliert sich dann in Social Media oder in einer Online-Shopping-Tour. Danach fühlt er sich schlecht.
Er meldet sich per Mail, wir lernen uns in einem Video-Call kennen und klären den Rahmen: 60 bis 90 Minuten pro Einheit, buchbar in Blöcken zu drei, sechs oder neun Einheiten. Die Gesamtzahl lege ich nicht im Voraus fest. Dann kommt er zur ersten Sitzung zu mir.
Was sich in der Problemanalyse zeigt
- Bei kleinen Zielen motiviert er sich mühelos
- Bei großen Zielen kommen Versagensängste hoch
- Privat kennt er das Problem nicht – dort hat er keine großen Ziele
- Zeit- und Selbstmanagement-Methoden kennt er, wendet sie aber nicht an
Ein Ziel, das sich gut anfühlt: Wohlgeformtheit
Bevor wir an einem Ziel arbeiten, muss es überhaupt eines sein. „Ich möchte meine unternehmerischen Ziele direkt angehen“ ist ein Vorsatz, kein Ziel. Ich führe dich deshalb mit Fragen durch mehrere Ebenen, bis dein Ziel konkret, sinnlich wahrnehmbar und wirklich deins ist. Das dauert in der ersten Einheit oft eine ganze Weile – und diese Zeit ist gut investiert.
Positiv formulieren
Was willst du, was wünschst du dir? Nicht, was aufhören soll. Unser Gehirn kann mit „nicht mehr aufschieben“ wenig anfangen, mit einem Bild vom fertigen Zustand dagegen sehr viel.
Woran du es merkst
Woran erkennst du, dass du es erreicht hast? Was siehst du, was hörst du, wo bist du, wer ist bei dir, welche Körperhaltung hast du? Je genauer, desto besser.
Bis wann und womit
Bis wann möchtest du dort sein? Kannst du das aus eigener Kraft erreichen, welche Ressourcen brauchst du, und was wäre dein erster Schritt?
Was du verlieren könntest
Verändert sich etwas, das dir wichtig ist? Sind diese Auswirkungen für dich in Ordnung? Diese Frage rettet mehr Ziele, als man denkt.
Die gute Absicht hinter dem Aufschieben
Hinter jedem Verhalten steckt ein Grund. Was heute stört, war irgendwann einmal eine Lösung – abgespeichert von deinem Unterbewusstsein für eine Situation, die längst vorbei ist. Das nennt sich Kurzreframing, und es ist einer der Momente, in denen es im Raum sehr still wird.
Stefan erkennt, dass er sich über Jahre so viele Ziele gesetzt hat, dass ihn allein die Menge überfordert hat. Hätte er alles mit vollem Einsatz verfolgt, wäre die Überlastung vorprogrammiert gewesen. Dann fällt ihm sein Vater ein, der genau das getan hat und darüber ernsthaft krank wurde. Seinen Traum von der Selbstständigkeit hat er sich nie erfüllt.
Stefans Aufschieben will ihn davor bewahren, so zu enden wie sein Vater. Diese Absicht kann er annehmen. Er nimmt sich vor, künftig genauer hinzusehen, wenn er wieder anfängt zu schieben – und zu prüfen, ob es gerade wirklich zu viel wird.
Öko-Check und Future Pace
Danach prüfen wir, ob das Ziel auch mit deinem restlichen Leben verträglich ist. Ich bitte dich, an deinen Wohlfühlort zu denken, lese dir dein Ziel vor und frage: Wie verändert sich dein Leben, wenn du es erreicht hast? Stefan sieht sich als erfolgreichen Unternehmer mit einem motivierten Team. Das Unternehmen ist gewachsen, und trotzdem hat er Zeit für Freunde und Familie. Die Verantwortung steigt, der Druck auch. Er hat den Wunsch, sich dem zu stellen. Damit ist der Weg frei.
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Six-Step-Reframing: mit dem Anteil verhandeln
In der zweiten Einheit berichtet Stefan, dass er im Kopf verstanden hat, wozu das Aufschieben gut war – es aber trotzdem noch tut. Verstehen und Verändern sind eben zwei verschiedene Dinge. Also arbeiten wir mit einem Format, das direkt mit dem verantwortlichen Anteil spricht.
- Problem finden – Du benennst das Verhalten, das dich stört. Nicht bewerten, nur beschreiben.
- Teil X und Signale – Du nimmst Kontakt zu dem Anteil auf, der dieses Verhalten erzeugt, und vereinbarst Signale für Ja und Nein. Manchen hilft es, ihn sich als Figur vorzustellen.
- Positive Absicht – Du fragst diesen Anteil, was er Gutes für dich erreichen will. Die Antwort überrascht die meisten Menschen.
- Kreativer Teil – Dein kreativer Anteil sucht gemeinsam mit Teil X mindestens drei andere Wege, diese Absicht genauso gut zu erfüllen.
- Öko-Check – Alle inneren Anteile kommen zusammen. Gibt es Einwände gegen die neuen Wege? Einwände sind willkommen, sie verhindern Rückfälle.
- Integration – Teil X sagt zu, das neue Verhalten so zuverlässig einzusetzen wie bisher das alte. Danach bedankst du dich bei ihm.
Für Stefan vertieft sich in dieser Sitzung eine Erkenntnis: Er hat unbewusst Angst davor, erfolgreich zu werden, weil seine Gesundheit darunter leiden könnte. Seine eigenen Lösungen lauten: feste Arbeitszeiten und eine maximale Stundenzahl pro Woche, konsequentes Delegieren von allem, was er nicht selbst tun muss, und große Pläne in kleine Schritte mit Terminen herunterbrechen. Diese Sätze kommen von ihm, nicht von mir. Genau darum funktionieren sie.
Bodenanker und die Walt-Disney-Strategie
Fünf Wochen später hat Stefan Aufgaben abgegeben und zwei Personen eingestellt. Sein Wochenpensum hält er meistens ein. Eine Sache gelingt noch nicht: Prioritäten setzen. Er hat weiterhin viele Ideen und weiß, dass alles gleichzeitig nicht geht.
Zuerst arbeiten wir mit Bodenankern. Jedes Projekt bekommt eine Moderationskarte, Stefan erklärt mir jede einzelne. Dann mische ich die Karten, er verteilt sie verdeckt im Raum, stellt sich nacheinander darauf und spürt mit geschlossenen Augen, welches Projekt sich am besten anfühlt. So entsteht seine Reihenfolge – ohne Tabelle, ohne Punktesystem.
Das wichtigste Projekt schicken wir anschließend durch drei Räume, dazwischen liegt jeweils eine neutrale Position.
- Der Träumer – er schwelgt grenzenlos und denkt weit in die Zukunft. Was wäre alles möglich, was wäre schön, was wäre die ideale Situation? Wenn jetzt ein Wunder geschähe, was würde das bedeuten?
- Der Realist und Macher – er geht systematisch vor und sucht Wege zur Umsetzung. Was wird benötigt an Material, Menschen, Wissen und Technik? Was ist schon vorhanden, was fehlt noch, ist ein Testlauf möglich?
- Der liebevolle Kritiker – er fühlt den Vorschlägen auf den Zahn und macht Verbesserungsvorschläge. Was spricht dafür, was dagegen, was wurde übersehen, was ist überflüssig, ist es bezahlbar? Und was müsste sich ändern, damit es umsetzbar wird?
- Die neutrale Position – nach jedem Raum trittst du heraus und legst die Rolle ab. Erst dadurch bleiben die drei Blickwinkel getrennt, statt sich gegenseitig zu übertönen.
Bevor wir mit dem Projekt starten, betritt Stefan jeden Raum einmal leer: Er erinnert sich an eine Situation, in der ihm genau diese Haltung leichtfiel, und erlebt sie mit allen Sinnen noch einmal. Dann gehen wir dreimal mit dem Projekt durch die Räume, ich notiere seine Sätze und nehme sie zusätzlich auf, damit er sie später noch einmal hören kann. Am Ende weiß Stefan, wo seine Stolpersteine liegen. Die Technik nimmt er mit: allein an drei Tischen oder gemeinsam mit einer Vertrauensperson, die ihn durch die Positionen führt. Einen weiteren Coaching-Termin vereinbaren wir nicht mehr, nur ein kurzes Telefonat in vier Wochen.
Was ich aus dieser Arbeit mitgenommen habe
Ich habe dieses Fallbeispiel gewählt, weil ich viele Menschen kenne, die genau damit ringen. Ablenkung wartet heute an jeder Ecke, und die Gründe, sich ihr hinzugeben, sind sehr verschieden.
In meiner Arbeitshypothese bin ich davon ausgegangen, dass die unbewusste Angst vor Krankheit durch Überarbeitung die Ursache ist. Ich hätte auch annehmen können, dass Stefan den Wunsch seines Vaters lebt und die Ziele gar nicht seine eigenen sind. Dann hätte ich andere Interventionen gewählt. Eine Hypothese ist kein Urteil. Sie wird überprüft, und wenn sie nicht trägt, stelle ich eine neue auf.
Genau deshalb bekommst du bei mir kein fertiges Programm. Ich höre zu, bilde eine Annahme, prüfe sie mit dir – und korrigiere sie, wenn dein Alltag etwas anderes erzählt.
Die Facharbeit zum Herunterladen
Wenn du es genau wissen willst: Hier findest du meine vollständige Facharbeit aus der zertifizierten Ausbildung zum psychologischen Coach – mit allen Quellen, dem Fragebogen zur Problembestimmung im Anhang.
Häufig gestellte Fragen über mein Coaching
Was macht ein psychologischer Coach?
Ein psychologischer Coach begleitet dich dabei, eigene Lösungen zu finden und im Alltag umzusetzen. Gearbeitet wird ziel- und ergebnisorientiert, mit Gesprächstechniken, Kreativitätstechniken, Transaktionsanalyse oder NLP.
Der Unterschied zur Beratung liegt darin, dass ich dir keine Antwort gebe, sondern die Fragen stelle, mit denen du deine eigene findest. Das dauert manchmal länger, hält dafür.
Wie viele Einheiten braucht ein Coaching?
Eine Einheit dauert bei mir 60 bis 90 Minuten. Buchbar sind Blöcke zu drei, sechs oder neun Einheiten. Die Gesamtzahl lege ich nicht im Voraus fest, weil sich das erst im Verlauf zeigt.
Bei Stefan waren es drei Sitzungen plus ein Telefonat. Bei anderen sind es neun. Was zählt, ist der Punkt, an dem du allein weiterkommst.
Was ist Six-Step-Reframing?
Six-Step-Reframing ist ein NLP-Format, das ein störendes Verhalten nicht bekämpft, sondern nach seiner guten Absicht fragt. In sechs Schritten entstehen neue Wege, diese Absicht anders zu erfüllen.
Der Kern ist die Trennung von Absicht und Verhalten. Dadurch musst du dich nicht länger gegen dich selbst stellen.