Wildnispädagogik – Du bist kein Besucher der Wildnis, sondern ein Teil von ihr

Steffen Wagner

Wildnis: unberührte Natur, mächtige Bäume, der Duft nach feuchter Erde, ein Bach plätschert zärtlich und beständig, die Vögel singen um die Wette, Blätter und Äste rauschen im Wind, Insekten schwirren in den Lichtstrahlen, die durch die dichten Baumwipfel bis zum Boden vordringen, kühle Luft umweht die Knöchel, ein Specht ist in der Ferne zu hören, wie er im Totholz nach Nahrung sucht. Doch dieses romantische Ideal kennen wohl nur die wenigsten von uns. Nur auf 0,6% der Fläche Deutschlands findet sich noch echte Wildnis. Das Bundesamt für Naturschutz definiert Wildnis so: „Ausreichend große, (weitgehend) unzerschnittene, nutzungsfreie Gebiete, die dazu dienen, einen vom Menschen unbeeinflussten Ablauf natürlicher Prozesse dauerhaft zu gewährleisten.“ Sprich, keine Forstwirtschaft und der Wald bleibt sich selbst überlassen.

Gehen wir aber ein Stück weiter. Unter dem Begriff Wildnispädagogik können sich nicht viele etwas Konkretes vorstellen. Bei einigen gehen im Gehirn wahrscheinlich eher die Schubladen auf und es springen ihnen Bilder von Menschen entgegen, mit langen Haaren, die Männer mit ungepflegten Bärten, die in selbstgebauten Hütten im Wald leben und Bäume umarmen. In der Wildnispädagogik geht es aber um viel mehr, als nur das draußen sein und Feuer machen.

Es geht darum, durch verschiedene Wege und Methoden sich wieder mit der Natur zu verbinden, mit der inneren und äußeren. Vieles ist auf eine ganzheitliche Erfahrung ausgelegt, in der all unsere Sinne gefordert sind. Grundlage dafür ist das tiefe Wissen der Naturvölker über das einfache Leben in der „Wildnis“. Durch die enge Vertrautheit mit den natürlichen Kreisläufen, Erscheinungsformen und Gesetzmäßigkeiten der Natur fühlen sich die indigenen Völker und Kulturen dieser Welt als Teil von ihr. Daraus resultiert das Erkennen und Wertschätzen der eigenen Talente und Qualitäten für die Stärkung der Gemeinschaft. Persönlichkeitsentwicklung in ihren Ursprüngen.

Unsere Gesellschaft erlebt mit immer mehr Wissen und global steigender Vernetzung einen grassierenden Wandel. Der macht auch vor den kleinsten ihrer Mitglieder, den Kindern, keinen Halt. In unserer Welt muss alles immer effizienter sein, möglichst viel Gewinn abwerfen, wirtschaftlich und planbar sein, festen Strukturen folgen, in Schubladen passen. Und wenn es nicht passt, wird es eben möglichst passend gemacht. Wandel ist wichtig, Veränderung ist notwendig, das liegt in der Biologie des Menschen. Doch nicht jede Richtung ist langfristig gut für uns oder die Welt, auch wenn es im ersten Moment so scheint und wir es gut gemeint haben. Dann darf es auch möglich sein, wieder in eine andere Richtung zu steuern.

Fangen wir bei unseren Kindern an, die einmal unsere Zukunft mit gestalten sollen. Sie erleben einen immer größeren Verlust ihrer prägenden Kindheit. Mit Kindheit ist das seelische, körperliche und geistige Erleben des Kindseins gemeint. Wir Erwachsenen annektieren ihre Kindheit in bester Absicht, und doch setzen wir sie immer früher und schonungsloser unserer Konsum- und Warenwelt aus. Sie werden immer früher für den großen Wettkampf aufgepäppelt und gefördert, aber das selbstorganisierte Kindsein bleibt auf der Strecke. Wichtiger als das Spielen sind Sachen, die gut bei den Großen ankommen: besser sein als die anderen, früh sprechen, früh lesen, früh Fremdsprachen lernen, das Einmaleins schon vor der Einschulung können und so weiter.

Bei all der noch so gut gemeinten Förderung und toll klingenden Überschriften wie „frühkindliche Bildung“ verlieren wir aber auch Stück für Stück das Zwischenmenschliche, die Beziehung von Mensch zu Mensch. Und immer mehr die Beziehung zu uns selbst. Weil Kitas, Schulen und co. immer wirtschaftlich sein müssen und immer mehr Wissen zu vermitteln ist, LehrerInnen und BetreuerInnen immer mehr administrative Aufgaben und Förderangebote übernehmen müssen, bleibt weniger Zeit für die Kinder, um die es ja eigentlich gehen soll. Klassen und Gruppen werden immer größer, der Betreuungsschlüssel sinkt, die inhaltlichen Anforderungen steigen. Dementgegen steht immer weniger Zeit zur Verfügung, all das ins Gehirn zu bekommen. Genauso rückt die Beziehungsarbeit weiter in den Hintergrund, obwohl vor allem die Kleinsten ein gesundes soziales Umfeld mit stabilen Beziehungen brauchen, um nachhaltig lernen zu können. Wen wundert es da, dass immer häufiger ADHS und sogar Burnout bei Kindern diagnostiziert wird. Darüber, dass ein Kind von sich aus nur selten 45 Minuten am Stück auf einem Platz sitzen bleibt, hat sich in der Bildungspolitik wohl länger niemand mehr Gedanken gemacht. Spätestens ab der ersten Klasse wird von den Kindern aber genau das erwartet, sogar mehrmals hintereinander mit nur minimalen Pausen für Körper und  Geist. Diese Überbleibsel aus längst vergangenen und überholten Zeiten gehört endlich überdacht.

Aber nun genug über die vorhandenen Probleme gewettert. Wie kann Wildnispädagogik da nun entgegensteuern beziehungsweise was ist das Besondere daran? Wie Eingangs erwähnt, geht es um ganzheitliche Erfahrungen mit allen Sinnen und ein bewusstes Erleben von Zusammenhängen. Die Reaktivierung unserer früheren kindlichen Neugier und das Erhalten des Wissensdurstes der Kinder sind erste und wichtige Schritte dorthin. Das Erleben der inneren und äußeren „Wildnis“ steht im Vordergrund, wozu auch die eigenen Emotionen und Gefühle und deren Funktionen gehören. Angst beispielsweise ist mittlerweile oft verpönt und wird zu gerne negativ assoziiert, dabei kann sie in natürlicher Ausprägung ein Schutzengel für uns sein.

Wildnispädagogik unterstützt uns zu verstehen, dass wir ein Teil der Natur sind und nicht über ihr stehen.

Ohne Ängste würden zum Beispiel unsere Kinder ständig Dinge tun, die sie noch gar nicht können. Sie würden sich ins „Dunkle“ vorwagen, sich Fremden einfach anvertrauen, sie würden sich zu weit von den Großen entfernen oder sich verirren. Unsere Ängste wandeln im Laufe unseres Lebens ständig ihr Gewand und passen sich unserer Entwicklung an. Das müssen sie auch tun, denn ansonsten wirken sie wie Klebstoff auf die Entwicklung und behindern uns in ihr. Ein zu ängstliches Kind geht nicht aus sich heraus, erforscht seine Umwelt nur zögerlich und lernt das Leben nur mit angezogener Handbremse kennen. So verändern sich auch alle anderen Gefühle und Emotionen im Laufe der Zeit, sie passen sich unseren wachsenden Kompetenzen an. Wir lernen mit neuen Situationen umzugehen, wachsen über uns selbst hinaus, Stück für Stück entwickeln wir uns. Das einzig Beständige im Leben ist der Wandel. Für die Anpassung der Gefühls- und Beziehungswelt nutzen Kinder seit jeher ihre größte Geheimwaffe – ihre Fantasie. Sie ermöglicht uns fantastische Brücken zu schlagen durch magische Begleiter, Geschichten, Tiere, Stofftiere, Puppen, Helden und Heldinnen. Kinder spielen zum Beispiel nach, was sie beängstigt, um nochmal bei der Angst als Beispiel zu bleiben. Doch im Gegensatz zur Realität können sie die beängstigende Situation im Spiel selbst kontrollieren, sie können die Parameter Stück für Stück erweitern und anpassen. Die beängstigende Situation widerfährt ihnen nicht, die Kinder sind selbst die Handelnden. Sie nehmen ihre Angst an die Leine und können sich so auf viele Situationen vorbereiten. Sie tun einfach so, als ob die das schon können und lernen im Spiel für das reale Leben. Und in diesem Spiel ist es auch wichtig, in Konflikte zu geraten und diese zu lösen. Wir lernen voneinander schließlich nicht nur durch beobachten, sondern auch durch ein gewisses aneinandergeraten. Durch Versuch und Irrtum lernen wir, mit unseren Impulsen umzugehen, Konflikte zu regeln, zu streiten, zu verzeihen und den Umgang mit Regeln.

Ähnlich funktioniert es auch in der Wildnispädagogik. Nach und nach soll hier wieder Verbindung mit sich selbst und seiner Umwelt aufgenommen werden, in kleinen Schritten, Stück für Stück. Spielerisch eben, wie die Angst an der Leine. Die Sinne werden geöffnet für die eigenen Fähigkeiten, Emotionen, Gefühle und die direkte Umwelt. Die Natur stellt uns alles zur Verfügung, was der Mensch für seine Entwicklung braucht: Unmittelbarkeit, Wirksamkeit, Freiheit, Widerständigkeit und Verbundenheit. Die Welt draußen bietet uns ganz natürlich, was wir in der gut behüteten Welt drinnen durch Spielzeuge, Spielgeräte, Förderprogramme und Ratgeber mühsam neu zusammengestückelt haben. Draußen finden wir Bewegung, Sprache, Sozialkompetenz, Naturwissenschaft und vieles mehr.  Vernetzendes Lernen und Verstehen in seiner Reinform.

Am leichtesten verstehen wir die Magie der Natur, wenn wir sie zusammen mit Kindern betreten und uns auf sie einlassen. Ihre Aufregung ist ansteckend, ihre Neugier belebend, ihre Freude über all die Wunder wie ein wärmendes Lauffeuer im Herzen. All die kleinen Dinge, die komplexen Strukturen, all die Energie, die in allem steckt. Da ist es egal, ob es um das saftige Grün frischer Triebe geht, um den wilden Bach nach einem Regenguss, die Mückenlarven in einer Pfütze oder das verrottende Laub am Boden, alles wird begutachtet und hinterfragt. Die Natur zu betreten wirkt befreiend. Alle Sorgen, Probleme, alle Lebensdramen lösen sich zumindest für kurze Zeit auf. Nach und nach nimmt man alle Geschöpfe um sich herum wahr, auch ganz winzige.

Wir sind Teil von diesem vielfältigen System. Das zu erkennen und zu spüren ist ein Ziel der Wildnispädagogik.

Man begreift, dass jedes einzelne wichtig ist und kann spüren, wie verletzlich das Leben dieser Tiere ist und wie verletzlich unser aller Leben auf diesem Planeten. Die Beziehung zu den Geschöpfen, den Wäldern, der Natur wird tiefer, mit jeder Stunde, jeder Woche, jedem Monat, jedem Jahr. Man ist in Verbindung damit und begreift, dass wir keine Besucher der Natur sind, sondern ein Teil von ihr. Ein enormer Unterschied. Es geht auch um das bewusst werden, dass durch unseren Lebensstil das verloren geht, was unsere bisherige Entwicklung (auch der letzten 100 Jahre) ermöglicht hat: fruchtbare Böden, sauberes Wasser, gesunde Luft und die unglaubliche Vielfalt an Lebensformen auf unserem Planeten, aus der auch wir hervorgegangen sind. Wir können nicht leben ohne die Pflanzen, nicht ohne die Tiere, noch nichtmal ohne die Mikroben und Bakterien, mit denen wir viel enger verbunden sind und von denen wir viel abhängiger sind, als wir uns eingestehen wollen. Die Natur zeigt uns, dass die vielfältigsten Systeme auch immer die leistungsfähigsten, stabilsten und langlebigsten sind.

Wir sind Teil von diesem vielfältigen System. Das zu erkennen und zu spüren ist ein Ziel der Wildnispädagogik. Es zu schützen und zu bewahren ist ein Selbstschutz, ein Retten des eigenen Lebens. Wir sind kein Besucher der Wildnis, wir sind ein Teil von ihr.

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Menschliche Beziehungen sind so wichtig für uns, weil wir damit ausgeglichener in unserer zwischenmenschlichen Kommunikation sind.Die Personalentwicklung muss neu strukturiert und überdacht werden.